Baudenkmäler
Rezension von Rolf Schmidt

Heinrich von Dehn-Rotfelser und Wilhelm Lotz:
Die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Cassel 1870,
Faksimile-Nachdruck, hrsg. von Dieter Carl, Vellmar 2000

Unsere Landschaft ist historisch geprägt. In Dorf und Stadt zeugen Bauwerke von den kulturgeschichtlichen Leistungen der Vorfahren. Kirchen, alte Torbögen, Wehranlagen, prächtige Steinbauten und malerisches Fachwerk laden ein zu verweilen, und: Es werden Fragen gestellt.
Für alle, die mehr wissen wollen, ist nun ein "Wanderführer" besonderer Art erschienen: "Die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Cassel" von Heinrich v. Dehn-Rotfelser und Wilhelm Lotz. Es ist der erste Faksimile-Nachdruck dieses Buches, auf den viele schon lange gewartet haben. Denn das bedeutende Werk kann nur noch in großen Bibliotheken und Museen eingesehen werden, wer es antiquarisch erwerben will, muss sich oft jahrelang gedulden. Im "Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher" (Internet), das über dreieinhalb Millionen Titel enthält, sind die "Baudenkmäler" - zur Zeit jedenfalls - nicht zu aufzufinden.
Die Planung der Veröffentlichung ging von amtlicher Seite aus. Im Vorwort heißt es hierzu: "Durch den königlichen Administrator in Kurhessen, Herrn Regierungspräsidenten von Möller, wurde bereits im Jahre 1866 die amtliche Aufstellung von Verzeichnissen der Baudenkmäler in allen Kreisen des Landes verfügt, um hierdurch die Grundlagen für ein Denkmal-Inventarium zu erlangen. Der klaren und zweckmäßigen Anweisung, welche zur Aufstellung dieser Verzeichnisse erteilt, ... war es zu verdanken, dass schon im Jahre 1867 die aus den einzelnen Kreisen eingegangenen Verzeichnisse zu einem tabellarischen Inventarium der Baudenkmäler im Regierungsbezirk Cassel vereinigt und dem Königlichen Ministerium ... vorgelegt werden konnte. Von dieser hohen Stelle wurde die Vervielfältigung und Veröffentlichung durch den Druck beschlossen". Die Überarbeitung und Herausgabe des Werkes übertrug man dem Verein für hessische Geschichte und Landeskunde, der mit der Fertigstellung und Veröffentlichung zwei seiner Mitglieder betraute, den Baurat Professor Heinrich v. Dehn-Rotfelser aus Kassel und Dr. Wilhelm Lotz aus Marburg, der bereits die Kunsttopographie Deutschlands verfasst hatte. Ihre Intentionen umreißen sie im Vorwort der "Baudenkmäler": "Was den Umfang des Werkes anlangt, so war das Bestreben der Bearbeiter darauf gerichtet, mit thunlichster Vollständigkeit alle erhaltenen Bauwerke und Kunstdenkmäler, welche vor Ende des 16. Jahrhunderts erhalten sind, aufzuführen. Ausserdem schien es geboten, bedeutendere Denkmäler aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu berücksichtigen, insofern sie sich durch Kunstwerth und eigenthümliche Gestaltung auszeichnen." Von der Anordnung der Inhalte her handelt es sich bei den "Baudenkmälern" um ein Nachschlagewerk, d. h. die einzelnen Orte sind in ihrer Abfolge alphabetisch geordnet. Es kommt damit einem Reiseführer nahe, den der Benutzer beim Besuch kunsthistorischer Stätten aufschlägt, um sogleich aufzufinden, was er sucht.
Eine Besonderheit ist die am Schluss aufgeführte "Übersicht der Baudenkmäler nach den Hauptstylarten und den wesentlichsten Gebäude-Gattungen". Die Abfolge ist chronologisch: "Altchristliche Bauwerke", "Bauwerke im romanischen und im Uebergangsstyl", "Bauwerke im gotischen Styl" und "Bauwerke der Renaissance". Eine weitere Unterteilung in die "Gebäude-Gattungen" wird sehr differenziert vorgenommen. So finden sich unter "Bauwerke im gotischen Styl" eine Vielzahl verschiedener Typen sakraler Bauten, wie beispielsweise: "Dreischiffige Hallenkirchen", "Zweischiffige Hallenkirchen", Einschiffige Hallenkirchen und Kapellen", "Kirchthürme, einzeln stehend oder mit Bauten aus früherer oder späterer Zeit verbunden" oder "Kirchen mit Chorschluss und sonstigen Apsiden aus einem Vieleck". Hinzu kommen die "Profanbauten", wiederum unterschieden in solche "von Stein", "Fachwerkbauten" oder "Ringmauern und Befestigungsthürme" u. a. Es können hier nur Beispiele aus dieser sehr ausführlichen Gliederung genannt werden. Auf jeden Fall handelt es sich um eine Stiltypographie, die demjenigen, dessen Studien über die Ortsgeschichte hinaus auf kunsthistorisch übergreifende Zusammenhänge abzielen, großen Nutzen bieten.
Ein weiter Anhang enthält die "Uebersicht der bemerkenswerten Ausstattungsstücke, Bildwerke und Geräthe". Hierzu gehören u. a. "Altäre", "Sakramentshäuschen", "Wandtabernakel", "Kanzeln", "Orgeln", "Taufsteine", "Grabsteine und Grabmäler", "Metallarbeiten", "Schnitzwerke in Holz" sowie "Wand und Gewölbemalereinen", auch hier weitgehend wieder unterteilt nach Kunstepochen. Schließlich folgt ein "Künstlerverzeichnis", das "Architekten", "Bildhauer und Bildschnitzer", "Glockengiesser" und "Maler" unterscheidet.
Hilfreich sind Abbildungen, welche es erleichtern, Datierungen von Gebäuden vorzunehmen, da gerade in Stein gehauene Jahreszahlen oft Schwierigkeiten bei der Entzifferung bieten. Sie finden sich direkt bei der Beschreibung einzelner Bauwerke und zusätzlich am Schluss des Buches als "Zusammenstellung der abgebildeten Jahreszahlen nach der Zeitfolge geordnet".
Wenn die einzelnen Beiträge zum Teil sehr ins Detail gehen, so liegt der Grund hierfür in der engagierten Beteiligung zahlreicher namhafter Mitarbeiter, welche durch ihre genaue Kenntnisse der jeweiligen örtlichen Bauwerke dazu beitrugen, dass auch die Kirchen kleinster Dörfer aus unmittelbarer Anschauung sachverständig beschrieben wurden. Im Vorwort heißt es hierzu: "Vielfache Verbindungen der beiden Bearbeiter mit Architekten und anderen Kennern und Liebhabern der vaterländischen Kunst boten Gelegenheit, aus den verschiedenen Kreisen des Regierungsbezirks die ausserordentlich zahlreichen weiter erforderlichen Mittheilungen zu erlangen, was freilich ... eine ... eigene besondere Untersuchung vieler Baudenkmäler Seitens der Bearbeiter nicht entbehrlich machen konnte. Doch haben die Bearbeiter die Freude gehabt, in ihren Bestrebungen durch die bereitwilligsten Mittheilungen aus allen Kreisen unterstützt zu werden".
Der Kunsthistoriker Werner Krömeke, Bau-Kunst-Studio Kassel-Wilhelmshöhe, urteilt: "Das Buch ist mit der Absicht geschrieben worden, die Baudenkmäler sachgemäß zu erhalten und das Interesse für ihre kulturelle Bedeutung zu fördern. Diese Grundhaltung erzeugt noch heute achtungsvolle Nähe zu den zahlreichen Kulturdenkmälern. Dieses Werk verschafft uns einen Einblick in zwei heute kaum noch sichtbare Welten:
Zum einen auf die Baudenkmäler, wie sie 1870 aussahen und sich zum Teil in einem viel weniger zerstörten Zustand befanden. Es wird auch über die damalige Nutzung berichtet, wie z. B. der des Renthofs zu Cassel, in dem Lokale der Justiz- und Verwaltungsbehörden untergebracht waren. Einige der sorgfältig beschriebenen Baudenkmäler existieren heute nicht mehr und können so vor unserem geistigen Auge wieder neu entstehen. Zum anderen verschafft uns dieses Buch eine Vorstellung von der damaligen Sichtweise der neu entstandenen Kunstwissenschaft auf die Denkmäler. Das Buch verschränkt damit den Blick auf die Kunstdenkmäler mit einem Eindruck der Vergangenheit."
Insgesamt: Ein Vademecum durch die Kulturlandschaft des alten Hessenlandes. Historikern, Heimatforschern, Kunstliebhabern sowie Genealogen und natürlich allen interessierten Laien wird hiermit ein Buch vorgelegt, das eine wichtige Ergänzung zur bisher erschienenen großen GEORG-LANDAU-REIHE darstellt.