Die Erdbeschreibung der Hessischen Lande
von
Engelhard und Ledderhose

DAS STANDARDWERK
ZUR ORTSGESCHICHTE DES 18. JAHRHUNDERTS


DIETER CARL


Die "Erdbeschreibung der Hessischen Lande Casselischen Antheiles" ist nicht das einzige Werk, das, insbesondere die Ortsgeschichte berücksichtigend, einen Überblick gibt über Städte und Gemeinden des Landes.
Im Gegensatz zu anderen älteren Veröffentlichungen dieser Art, handelt es sich hier aber nicht um eine Aus-wahl, sondern es wird, was ganz allgemein die Erfassung betrifft, Vollständigkeit angestrebt und weitestgehend erreicht. Dass der Umfang der Beschreibungen sich an Größe und Bedeutung der Orte orientiert, liegt auf der Hand. So wird u. a. auf die Haupt- und Resi-denzstadt Kassel mit großer Ausführlichkeit eingegangen.
Das Anliegen, welches der Verfasser durch die Publikation der ersten beiden Bände verfolgt, fasst Engelhard in einem "Vorbericht" zusammen. Dort heißt es: "Mein Vorhaben gehet aber eigentlich blos auf eine topographische Beschreibung". Hierzu eine Erläuterung aus dem Brockhaus des Jahre 1830: "Topographie, Ortsbe-schreibung, d. i. genauere Beschreibung einer Gegend, einer Stadt etc. Gewässer, Berge, Wälder, besonders angebaute Plätze, einzelne Wohnungen, Wege, Brücken, Gassen und ihre Verbindung untereinander, sind die wesentlichen Gegenstände derselben. Unter einer topographischen ... Aufnahme denke man sich demnach eine solche, wo alle diese Gegenstände im Grundrisse bestimmt und genau angegeben sind." Engelhards Darstellungen gehen aber noch darüber hinaus. Vielfach bringt er geschichtliche und kunsthistorische Aspekte sowie mit den einzelnen Städten und Gemeinden im Zusammenhang stehende "merkwürdige Sachen" und "Personen" zur Sprache, wodurch seine Darstellung einen lebhafteren Charakter gewinnt, der die lokalen Bilder illustrierend vervollständigt. Der Verfasser grenzt sein Vorhaben ab gegen das einer rein statistischen Darstellung, deren "Grundcharakter" es ist, wie ebenfalls eine Definition aus dem Brockhaus des Jahres 1830 besagt, "das innere und äußere Leben der Völker, Staaten und Reiche und die Wechselwirkung zwischen beiden, im Kreise der Gegenwart zu verzeichnen." Hierauf jedoch läuft die Absicht Engelhards nicht hinaus, sondern ihm ist es angelegen, das Augenmerk auf "die Landschaften" zu richten, "woraus solche bestehen, als deren weitere Eintheilung in Aemter und Gerichter anzugeben, sodann die Städte, Flecken, Dörfer und Höfe, welche zu jedem gehören, ihrer Lage und sonstigen Be-schaffenheit nach zu beschreiben".
Engelhard weiter: "In die Staatsverfassung dieser Lande, soviel ihre Stärke, Bevölkerung, Einkünfte und dergleichen betrifft, was in den Beschreibungen der Länder gemeiniglich pfleget mit angeführt zu werden, habe ich mich aber gar nicht eingelassen; Indem solches wohl nicht in die Erdbeschreibung oder Geographie, sondern in die so benamte Statistik gehöret. Damit jedoch der Vortrag durch Anführung bloßer Namen und Benennungen der Oerter nicht allzutrocken und ekelhaft werde: So bin ich bemühet gewesen, nicht allein bey jeder zu diesen Landen gehörigen Provinz, anzuführen, wie sie an das fürstliche Haus Hessencassel gekommen, sondern auch bei Städten und Dörfern dasjenige mit zu bemerken, was ich in Ansehung ihres Namens, Ursprungs, Alters, historischer Umstände, und sonstiger auch in die natürliche Geschichte gehörigen Merkwürdigkeiten in bewährten Schriftstellern und Urkunden vorgefunden, oder durch sonstige glaubhafte Nachrichten in Erfahrung gebracht habe. Ungeachtet ich nicht hoffe, daß leicht ein nur bewohnter Ort ausgelassen seyn werde; Wovon ich jedoch geringere einzelne Häuser und Gebäude, als Forsthäuser, Mühlen, u. d. gl. ausnehme". Trotz der für den heutigen Leser vorwiegend ortsgeschichtlich orientierten Konzeption des Werkes, geht Engelhard eingangs auf die geographischen und historischen Besonderheiten des Landes insgesamt ein. Unter der Überschrift: "Erstes Hauptstück von Hessen überhaupt" folgen Ausführungen über den "Ursprung des Namens", "Alter desselben", "Umfang", "Heutige Gränzen", "Lage", "Größe" und "Eintheilung". Als "Zweytes Hauptstück" benannt "von den hessischen Landen casselischen Antheiles überhaupt", gibt er einen Überblick zuerst über die "Hessischen Lande überhaupt" und weiter: "Vertheilung derselben", "Casselischer Antheil", "Gränzen", "Flüsse" und hier in einzelnen Kapiteln: Rhein, Main, Weser, Fulda, Werra, Diemel, Schwalm, Eder, Lahn, sodann "Kleinere Flüsse" und "Berge und Wälder".
Mit historischem Bezug berichtet Engelhard über die Rotenburger "Quart", "Französische Kolonien" und "Neue Kolonien". Auch den einzelnen Teilen von Hessen-Cassel ist im Nachfolgenden eine allgemeine Be-schreibung des jeweiligen Gebietes vorangestellt. So erhält der Leser zwar keine landesgeschichtliche oder landesgeographische Darstellung in großer Ausführlichkeit, jedoch gibt der Verfasser einen informativen und zugleich prägnanten Überblick, der alles Wesentliche erfasst.
Insgesamt ist das Werk gegliedert nach den "Ämtern", welche weitgehend den "Provinzen" zugeordnet sind. In einzelne Hauptstücke gegliedert werden aufgeführt: Niederhessen, Oberhessen, Fürstentum Hersfeld, Grafschaft Ziegenhain, Niedergrafschaft Catzenelnbogen, Grafschaft Schaumburg, Grafschaft Hanau, Herrschaft Schmalkalden, Herrschaft Plesse, die Ämter Neuengleichen, Schwarzenfels, Brandenstein, Kellerei Naumburg, Altengronau, die Ämter Landeck und Frauensee, das Gericht Völkershausen, Stadt und Amt Treffurt und Stadt Grüningen.
Zu den vor dem Erscheinen der "Erdbeschreibung der Hessischen Lande" bereits gedruckten Publikationen ähnlichen Charakters erklärt Engelhard: "Der bekannte Winkelmann und der durchlauchtigste Verfasser des Textes zu der Merianischen Topographie haben uns zwar schon Beschreibungen von Hessen, und den darinnen gelegenen Städten und Oertern gegeben. Allein wer sich die Mühe nehmen will, ihre Werke mit dem meinigen zu vergleichen, der wird den Unterschied leicht finden. Indem jene gar nicht eine ordentliche Abtheilung der gesamten hessischen Lande in die dazu gehörigen Landschaften, dieser in ihre Aemter, und der Aemter in die darinnen liegenden Städte und Dorfschaften gemachet, noch diese vollständig, sondern nur zuweilen einige angeführet, letzterer auch blos der alphabetischen Ordnung gefolget ist."

Im Hinblick auf die Belege, mit denen Engelhard die Ortsbeschreibungen im Einzelnen versieht, bemerkt er, dass die "beygefügten Anmerkungen aus der Geschichte und Urkunden, wo ich deren bey einem Orte zu machen gefunden, ... hoffentlich nicht unangenehm seyn; Zumal da ein bloßes Verzeichniß der Oerter zu trocken gewesen seyn würde ... Alles, was ich aus Schriftstellern und gedruckten Schriften genommen, habe ich durch Anführung derselben jedesmal bestärket". Es stamme überhaupt "vieles und wohl das meiste aus geschriebenen und theils mündlichen", jedoch immer aus " thunlich sicheren Nachrichten".
Seine Einleitung schließt der Verfasser ab mit der Bekundung: "Meine Absicht bey der Bekanntmachung dieses Werkes ist vornehmlich, meinen werthen Landleuten dadurch etwa nützlich zu seyn, und auch Ausländern unser geliebtes Vaterland näher bekannt zu machen, sie zu einem gleichen Beyspiele zu ermuntern, und überhaupt etwas zur Berichtigung der Erdbeschreibung beyzutragen. Die Erreichung dieses Endzweckes muß ich ... dem Urtheile des geneigten Lesers überlassen. Wobey ich nur immer die mir gesetzten Schranken, blos eine topographische Beschreibung zu geben, vor Augen zu haben bitte."

Umfassende Informationen zur genaueren Erfassung der Städte und Dörfer von Hessen-Cassel wurden bereits im 16. Jahrhundert zusammengetragen und schriftlich festgehalten. So ließ Philipp der Großmütige, um das Finanzwesen des Landes zu reformieren, etwa 40 Salbücher anlegen, die zum großen Teil bereits kleinere Ortsbeschreibungen enthalten. Ebenfalls fiskalischen Zwecken diente "Der Ökonomische Staat Landgraf Wilhelms IV.", wobei dieser allerdings vorwiegend statistischen Charakter besitzt. Sehr genau erfasst wurden alle Dörfer und Städte des Landes mit Ausnahme der Haupt- und Residenzstadt Kassel in den Katastervorbeschreibungen des 18. Jahrhunderts, die jedoch, ebenso wie die Salbücher, nur als ungedruckte Quellen vorliegen. Zum frühen Schrifttum, das Ortsbeschreibungen des Landes enthält, gehören weiterhin Wilhelm Dilichs "Hessische Chronica", 1605 erschienen, und aus dem Jahre 1697 Johann Justus Winkelmanns "Gründliche und wahrhafte Beschreibung der Fürstenthümer Hessen und Hersfeld".

Allen mangelt es jedoch an der Vollständigkeit, die von Engelhard erreicht wird. Das gleiche gilt für Johann Christian Martins "Topographisch Statistische Nachrichten von Niederhessen", die am Ende des 18. Jahrhunderts erschienen. Hier wird zwar in größerer Ausführlichkeit auf ausgewählte Ämter, Städte und Gemeinden eingegangen, jedoch wird der Nutzer dieses Werkes nach vielen Orten, die eben nicht mit aufgenommen wurden, vergeblich suchen. Das etwa zur gleichen Zeit "in alphabetischer Ordnung" aufgebaute und begonnene "Handbuch zur Kenntnis der Hessen-Casselischen Landes-Verfassung und Rechte" blieb unvollendet. Es finden sich jedoch auch hier Erwähnungen aus dem Bereich der Ortsgeschichte, wenngleich diese gegenüber dem eigentlichen Anliegen der nach Lexikonartikeln aufgebauten Reihe, schon von ihrem Umfang her, in den Hintergrund treten. Die "Erdbeschreibung des Kurfürstenthums Hessen nach der neuesten Staatseintheilung abgefaßt und zum Gebrauch für Bürger- und Volksschulen eingerichtet" von Conrad Wiegand aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts" enthält neben einem staats- und landeskundlichen Teil zwar ebenfalls Ortsbeschreibungen, jedoch ist dieses Buch von insgesamt relativ geringem Umfang und somit nicht mit dem Werk von Engelhard und Ledderhose vergleichbar. Sehr ausführlich dagegen die "Beschreibung des Kurfürstenthums Hessen" aus dem Jahre 1842 von Georg Landau, die von der Historischen Edition Dieter Carl als Faksimile-Nachdruck neu herausgegeben wurde. Allerdings nimmt auch hier der Teil "Hessen im Allgemeinen" einen breiten Raum ein, so dass die ortsgeschichtlichen Ausführungen zwar zum Teil sehr detailliert ausfallen, jedoch Landau sich bei der Auswahl im Allgemeinen an der Bedeutung der einzelnen Städte und Gemeinden orientiert. Außerdem gibt dieses sehr empfehlenswerte Werk im Gegensatz zu Engelhards "Erdbeschreibung" zum einen den Stand um die Mitte des 19. Jahrhunderts wieder, nimmt jedoch gleichzeitig immer wieder Bezug auf die geschichtlichen Entwicklungen. Das Gleiche gilt für Pfisters "Kleines Handbuch der Landeskunde von Kurhessen", das allerdings nicht an die akribischen Ausführungen Landaus heran reicht. Nicht unerwähnt bleiben dürfen von den ungedruckten Quellen hier die im Hessischen Staatsarchiv Marburg befindlichen Ortsbeschreibungen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf Initiative des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde angelegt wurden. Sie basieren auf vorgegebenen Fragebögen mit Bezug auf die örtlichen Verhältnisse, welche meist vom Pfarrer oder Lehrer des Ortes ausgefüllt wurden. Nicht vorhanden sind sie jedoch für den Altkreis Kassel, d. h. für die Justizämter I,II und III. Schließlich bleibt noch zu erwähnen die "Hessische Landeskunde" von Carl Hessler aus dem Jahre 1907, der Kreise, Gemeinden und Städte, allerdings wiederum in einer Auswahl, zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt. Daneben bleibt natürlich für den schnellen Zugriff als Nachschlagewerk Reimers "Historisches Ortslexikon für Kurhessen" aus dem Jahre 1927, das allerdings nur stichwortartige mit Quellen- und Literaturverweisen versehene Auskünfte gibt.

Aus der Übersicht über die für Hessen-Cassel vorliegenden Ortsbeschreibungen in gedruckten und handschriftlichen Quellen sowie vor allem in der Literatur ergibt sich, dass die "Erdbeschreibung der Hessischen Lande" von Engelhard das umfangreichste und somit insgesamt betrachtet auch detaillierteste Werk darstellt, was die Vollständigkeit der Erfassung betrifft. Wie Landaus "Beschreibung des Kurfürstentums Hessen" für das 19. Jahrhundert, ist die "Erdbeschreibung" das maßgebliche Werk des 18. Jahrhunderts. Hinzu kommt, dass der 3. Band der "Erdbeschreibung" von Ledderhose, die "Beschreibung des Kirchen-Staats", die örtlichen Verhältnisse, geordnet nach "Classen", in gleich umfassender Weise darstellt. In seiner Vorrede begegnet Ledderhose sogleich einem eventuellen Vorwurf, er "hätte ... hier blos einen Auszug aus den Dorfbüchern geliefert". Vielmehr, so führt er aus, hätte er auf vielfältige Quellen zurückgegriffen wie "Resolutionen, Bescheide, Rescripte, Verträge und andere Urkunden", bei denen er des öfteren den direkten Wortlaut beibehalten. Abgesehen von der genauen Darstellung der einzelnen kirchlichen Verhältnisse, gibt er darüber hinaus detaillierte Erklärungen zur Bedeutung der im Text verwendeten sowie im Kirchenrecht vorkommenden Fachbegriffe wie zum Beispiel Filial, Vikariat, Collatur, Patronat, Metropolitan, Lutheraner, Reformierte und vieles mehr, was hier aufzuführen, nicht der Raum bleibt. Es soll im diesem Zusammenhang jedoch nicht versäumt werden, auf die wichtige Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts hinzuweisen, in der die kirchlichen Verhältnisse unter ortsgeschichtlichen Gesichtspunkten behandelt werden. Hier ist vor allem hervorzuheben Bachs "Kirchenstatistik der evangelischen Kirche im Kurfürstenthum Hessen" (1835), Hochhuths "Statistik der evangelischen Kirche im Regierungsbezirk Cassel, Provinz Hessen-Nassau, König-reich Preußen" (1872), Ritters "Kirchliches Handbuch, Mit Zahlen belegte Beschreibung der Gemeinden, Kirchen, Pfarreien, Vereine, Anstalten und Stiftungen der Evangelischen Landeskirche in Hessen-Kassel" (1926) und schließlich das den gegenwärtigen Stand unter weitgehendem Verzicht auf ausführlichere historische Aspekte dokumentierende "Handbuch der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck".

Für das 18. Jahrhundert gilt jedoch Ledderhose als einer der kompetentesten Fachleute. Insbesondere wenn es um die Kirchengeschichte von Hessen-Kassel im 18. Jahrhundert geht, kommt niemand an diesem Gelehrten vorbei. Das gilt für kirchenrechtliche Fragen und vor allem für die äußerst genaue Kenntnis der örtlichen kirch-lichen Verhältnisse, die er umfassend und detailliert im 3. Teil der "Erdbeschreibung der Hessischen Lande" darstellt.

Regnerus Engelhard (1717-1778)

Engelhard, der Verfasser der ersten beiden Bände der "Erdbeschreibung der Hessischen Lande Casselischen Antheiles", verstarb, nachdem das Manuskript bereits vorlag, kurz ehe der zweite Teil erschien. Für die Drucklegung sorgte sein Sohn Johann Philipp Engelhard. In der Vorrede zum zweiten Band gibt er einen Rückblick auf das Leben seines Vaters. Weitere biographische Einzelheiten finden sich in Strieders "Grundlagen zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte" aus dem Jahre 1787, der "Allgemeinen Deutschen Biographie" und in einigen Notizen aus der "Losch-Kartei" in der Murhard-Bibliothek Kassel.

Am 30. Oktober 1717 wurde Regnerus Engelhard in Kassel geboren. Sein Vater, Johannes Engelhard, der lange in Diensten des Prinzen Georg, einem Sohn Landgraf Carls stand, verstarb bereits, als der Sohn gerade 8 Jahre alt war. Prinz Georg, bekannt als Freund der Dichter und Gelehrten, hatte "eine bedeutende Bib-liothek gesammelt und wurde Regnerus Engelhards Gönner und Förderer, was diesem für seinen Lebensgang als Gelehrter große Vorteile verschaffte. Auf Grund des frühen Todes des Vaters erfolgte seine Erziehung zuerst durch die Mutter Anna Elisabeth, geb. Chuno. Den ersten schulischen Unterrichtung übernahm Metz, ein Kandidat der Theologie, und der spätere Metropolitan Schindehütte. Seit 1731 besuchte Engelhard das Collegium Carolinum. Dort wandte er sich im Besonderen der Philosophie und der Mathematik zu, ebenso der Einführung in die Jurisprudenz, hier vor allem bei Professor Veit und den Lizentiaten Rausch und Wolfart. Seit 1736 besuchte Engelhard die Universität in Marburg, wobei er die notwendige materielle Unterstützung durch den Prinzen Georg fand. "Hier hörte er drey und ein halbes Jahr hindurch bey dem berühmten Wolf alle Theile der Mathematik, und Weltweisheit über dessen eigene Lehrgebäude, und das Natur- und Völkerrecht über den Grotius: bey v. Cramern aber über die Rechte", wie es bei Strieder heißt. 1739 ging er nach Jena, um dort die Professoren Schaumburg und Budern zu hören und 1741 nach Leipzig, wo er insbesondere die Vorlesungen des Staatsrechtlers Mascov und, um sein Studium der deutschen Sprache und Literatur zu vertiefen, die von Gottsched besuchte. Dies alles war ihm nur möglich durch die Unterstützung seines Gönners, des Prinzen Georg.

Noch im gleichen Jahr jedoch wurde er von den Studien an der Leipziger Akademie zurückberufen und am 1. August 1741 zum Auditeur in den Regimentern des Prinzen Maximilian und Georg ernannt und nahm an dem kurzen Feldzug ins Hannoversche teil. Bald darauf bot sich ihm, insbesondere durch die Protektion seines ehemaligen Lehrers am Collegium Carolium, Wolf, die Möglichkeit der Übernahme einer Professur in Marburg. "Indessen so wenig abgeneigt Engelhard dem akademischen Leben auch war", berichtet Strieder, "so verstattete ihm doch seine Dankbarkeit gegen den wohlthätigen Fürsten nicht, auch nur im mindesten blicken zu lassen, daß er nicht ganz mit seinem Schicksale zufrieden wäre" und entschied "bey seiner jetzigen Stelle Gelegenheit zu haben, seine Neigung, sich in der Welt umzusehen, befriedigen zu können". So nahm er noch an mehreren Feldzügen teil, bis er, zu Beginn des Jahres 1744 nach Kassel versetzt, die Sekretariatsgeschäfte in der dortigen Generalkriegskommission übernahm, zugleich jedoch auch die Stelle des Generalauditeurs inne hatte. 1746 erfolgte seine Ernennung zum Wirklichen Kriegssekretarius, 1751 zum Assessor im Kriegskollegium und 1755 zum Kriegsrat. Regnerus Engelhard verstarb am 6. Dezember 1778 in Kassel. "Er ist", so Altmüller in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1883, "der Verfasser mehrerer durch gründliche Behandlung der Stoffe werthvoller Schriften, unter denen als die hervorragendste die 'Erdbeschreibung hessischer Lande Kasselischen Antheils' ... zu nennen sind."

Conrad Wilhelm Ledderhose (1751-1812)

Am 21. Dezember 1751 wurde Conrad Wilhelm Ledderhose in Hanau geboren. Sein Vater war der Superintendent, Konsistorialrat und Oberhofprediger Johann Konrad Ledderhose, der sich insbesondere durch seine Predigten auszeichnete und daher in der Gunst des Landgrafen stehend, nach Hanau versetzt wurde. Conrad Wilhelm war unter den sieben Kindern der zweiten Frau seines Vaters, Dorothea Elisabeth, das jüngste. Den ersten Unterricht erteilte ihm der Vater selbst. Nachdem die Familie wieder nach Kassel gezogen war, besuchte er für kurze Zeit die dortige Stadtschule, er-hielt dann jedoch private Unterweisungen von seinem Vetter, der eine Pfarrstelle bekleidete.

Ab 1766 hörte er auf dem Collegium Carolium Vorlesungen bei den Professoren und Dozenten Casparson, Engelbronner, Höpfner, Prizier, Raspe, Stegmann und Wetzel und seit 1769 an der Universität Marburg bei Kanzler Estor und den Professoren Sorber und Hofmann sowie dem Rat Curtius. Seit Ostern 1772 setzte er seine Studien an der Universität Göttingen fort, wo er vor allem bei den Professoren Böhmer, Claproth, Meister, Püttner und v. Selchow hörte. Seit sein Vater 1771 verstorben war, lebte Ledderhose in recht bescheidenen materiellen Verhältnissen, und die Mutter war nicht im Stande, ihn bei der Bestreitung seines Lebensunterhaltes zu unterstützen. Daher verließ er Göttingen nach einem Jahr und unterwarf sich in Marburg der Prüfung der Juristenfakultät. Seine Bemühungen um die Stelle eines Prokurators in Kassel blieben erfolglos, jedoch wurde er 1774 zum Assistenten an der Marburger Universität bestellt. Das hiermit verbundene Einkommen gestattete es ihm allerdings weiterhin nur, seinen Lebensunterhalt äußerst dürftig zu bestreiten.

Eine Verbesserung dieser Umstände trat erst ein, nachdem es ihm noch im gleichen Jahr gelang, als zweiter Archivar bei der Regierung in Kassel tätig werden zu können. 1780 wurde ihm der Ratstitel verliehen. Es folgte seine Ernennung zum Professor des bürgerlichen Rechts sowie des Staatsrechts und der Reichsgeschichte, in welcher Funktion er seit 1784 am Collegium Carolinum lehrte. Am 21. Dezember 1812 verstarb Ledderhose in Kassel. In der Allgemeinen Deutschen Biographie 1877 heißt es:

"Er war ein durch und durch gebildeter Mann, der seinen Posten voll und ganz ausfüllte. Es sind eine Menge Schriften, die aus seiner begabten Feder hervorgingen, theils in lateinischer Sprache, die er gut schrieb, theils in deutscher Sprache erschienen. Besonders warf er sich auf kirchenrechtliche Fragen ... Wodurch er aber zu seiner Zeit einen geachteten Namen in seinem Vaterlande erlangt hat, ist sein Buch: 'Beiträge zur Beschreibung des Kirchenstaates der Hessen-Kasselschen Lande', 1781. Diese so nützliche Zusammenstellung hat nur ein Mann von seinem Fleiße und seiner Umsicht bewerkstelligen können. Seine mancherlei Gutachten und Schriften sammelte er unter dem Titel: 'Kleine Schriften' in 3 Bänden. Sein Landesherr Wilhelm IX. hatte sein 'Hessen-Kasselsches Kirchenrecht' gnädig aufgenommen, so daß er glaubte, seine gesammelten Schriften ihm dediciren zu sollen, und ihm den Segen des Allmächtigen zu wünschen. In der Vorrede zu diesem Werke sagt er bescheiden, daß gegründeten Kritiken Niemand williger sein Ohr leihe, als er, er halte es mit dem Patriarchen des deutschen Staatsrechts (Joh. Jakob Moser), welcher sage: 'Sich an anderer Fehlern kitzeln, ist läppisch. Selber ohne Fehler sein wollen, ist thöricht. Anderer Fehler tadeln, ist eine schlechte Kunst, eine desto größere hingegen, es besser zu machen'. Es läßt sich denken, daß ein so solider, rechtschaffener Charakter, welcher, wie seine Eltern, fest hielt an dem Bekenntnisse der Kirche, das durch die französische Revolution und die Freigeisterei hereinbrechende Verderben schwer fühlte und sich nicht enthalten konnte, ein Zeugnis wider den in Kirche und Schule auftauchenden Unglauben abzulegen."