Die Grebenordnung
Die Grebenordnung von 1739, Erster Faksimile-Nachdruck als "Volksausgabe", hrsg. v. Dieter Carl, Vellmar 1998

Die Grebenordnung - 1739 an die Dorfvorsteher in der Landgrafschaft Hessen-Kassel als rechtsverbindliche Richtschnur für ihre Amtshandlungen ausgeliefert - ist als Original heute eine Rarität, die auch antiquarisch nicht mehr angeboten wird. Das Buch findet sich praktisch nur noch in großen Bibliotheken, Archiven und Museen, wo es jedoch einem strengen Kopierverbot unterliegt.
Nun ist die Grebenordnung erstmals im Nachdruck als Faksimile erschienen . Grund genug, auf dieses bedeutende Werk näher einzugehen. Denn: Die Grebenordnung gibt einen Einblick in alle Bereiche des damaligen dörflichen Lebens, in welche die örtliche Verwaltung eingriff. Das Buch bietet von daher nicht nur für den akademisch vorgebildeten Fachmann einen reichen Fundus, es bleibt auch für alle Heimatforscher unverzichtbar, die an der Chronik ihres Ortes arbeiten. Auf welche geschichtlichen Aspekte der Gemeinde in Niederhessen sich ihr Forschungsinteresse im einzelnen auch richtet, die Grebenordnung von 1739 vermag hier über einen bedeutenden Zeitraum hinweg Beiträge zu liefern, da sie für alle Dörfer Gültigkeit besaß und selbst in den Städten öffentlich gemacht werden mußte .
Bereits unter der Herrschaft Landgraf Karls, die über ein halbes Jahrhundert währte, hatten sich nach der Zeit des Dreißigjährigen Krieges die wirtschaftlichen Zustände des Landes zusehends verbessert . Genauere Kenntnis über diese Entwicklung und die Umstände, in denen seine Untertanen lebten, suchte sich sein Nachfolger, der Schwedenkönig und Landgraf Friedrich I., schon bald nach seiner Thronbesteigung auf einer Rundreise durch Niederhessen zu verschaffen. Ehe er nach Schweden zurückkehrte, gab er Anweisungen, Vorschläge zu unterbreiten, wie die Erwerbsquellen des Landes weiter zu heben seien. Der vierte Band der "Sammlung Fürstlich Hessischer Landes-Ordnungen und Ausschreibungen" , die in den Jahren 1767 bis 1816 erschienen, gibt Zeugnis davon, wie sich seit 1730 eine rege gesetzgeberische Tätigkeit in Hessen entfaltete und auf alle Bereiche der Landesverwaltung erstreckte: "Dabei hatte diese Gesetzgebung den Vorzug, daß sie zwar, wo es Noth thut, umgestaltend und neuregelnd eingreift, daß sie aber vorzugsweise darauf ausgeht, den Bestand der aus dem Rechtsbewußtsein der Bevölkerung herausgewachsenen guten Sitten und Gebräuche durch Einführung der Erzwingbarkeit und Gewährung des Rechtsschutzes obrigkeitlich zu sichern."
Auch die Grebenordnung ist Bestandteil dieser Gesetzgebung. Als landesherrliche Verordnung, welche die Dörfer betraf, besaß sie jedoch keineswegs nur in den Dörfern Gültigkeit, die dem Landgrafen gehörten, d. h., wo er selbst die Grundherrschaft hatte. Herbert Reyer weist in seiner Untersuchung zur "Dorfgemeinde im nördlichen Hessen" darauf hin, daß sich das Verhältnis einer Konkurrenz zwischen dem Landesherrn und dem Adel schon seit dem 16. Jahrhundert immer mehr zugunsten des Landgrafen entwickelte und damit eine hierarchische Ordnung entstand. Es diente den Interessen des frühabsolutistischen Staates, wenn Philipp der Großmütige rund 40 Salbücher anlegen ließ und sein Nachfolger Wilhelm IV. den "Ökonomischen Staat" herausbrachte, beides, um eine genauere Übersicht über den Herrschaftsbereich und damit eine bessere fiskalische Kontrolle zu gewinnen. Nach Zimmermann bildete sich bereits damals der "Rechtszustand heraus, der im 18. Jahrhundert gilt: Adlige Gerichte bleiben der Landeshoheit unterworfen und sind daher den Ämtern, in deren Bezirk sie liegen, so einverleibt, daß die herrschaftlichen Beamten die zur Landeshoheit gehörigen Rechte darin wahrnehmen." Die Bedeutung dieser Entwicklung für die Stellung der hessischen Dörfer kann nicht übersehen werden. Ihre überwiegende Zahl unterstand ohnehin bereits dem Landgrafen unmittelbar, und die übrigen gerieten unter dem Anspruch der sich vermehrenden Landesordnungen, nahezu alle Bereiche des Lebens zu reglementieren, sehr bald auch unter die Aufsicht der Landesherrschaft: "Einen vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung bildet sicherlich die 1739 erlassene hessische Grebenordnung, die ohne Ausnahme für alle Gemeinden verbindlich war. Der hessische Staat wandte sich mit ihr an die adligen Dorfgreben sowohl wie an seine eigenen und zog sie als seine Hilfsbeamten unmittelbar heran."
Der Grebe selbst, nur in den Dörfern eingesetzt und meist der größte Bauer im Ort, besitzt eine exemplarische Funktion in seiner Mittelstellung zwischen Dorfgemeinschaft und Herrschaft: "Er wird zur zentralen Figur der hessischen Dorfgemeinde. Nach ihm wird sogar die 1739 entstandene, bis dahin umfassendste Dienstanweisung für dörfliche Organe in Hessen, >die Grebenordnung< benannt. Erst in der hessischen Gemeindeordnung vom 23. Oktober 1834 wird der Grebe durch den Bürgermeister ersetzt."
Obwohl die Verordnung unter dem Namen Grebenordnung geläufig ist und auch danach meist zitiert wird, richtet sie sich ganz offensichtlich an mehrere Inhaber dörflicher Ämter. Hierbei erfüllten allerdings die "Greben, Vorstehere/ Heimbürgere/ Dorffs-Schulzen" weitgehend identische Funktionen; in der älteren Literatur werden diese Begriffe sogar als "völlig gleichbedeutend" betrachtet. Dennoch bleibt "Grebe" hier die wichtigste und sicher als spezifisch hessisch zu deutende Benennung. Sie kommt vor allem in Niederhessen, im Großraum Kassel und den daran angrenzenden Gebieten vor und im nördlichen Oberhessen. Als "Richter" dagegen wird der Dorfvorsteher im Waldeckischen und im äußersten Norden bezeichnet. In der nordöstlichen Region und den mainzischen Gebieten findet sich dagegen der "(Dorf-)Schultheiß". Eine gewisse Sonderstellung kommt dem "Heimbürge" zu. Im Süden vermischt er sich teilweise im Sprachgebrauch mit dem "Greben", oder er wechselt sich ab, teilweise ist er auch bereits im 16. Jahrhundert durch den Ausbau der hessischen Landesherrschaft verdrängt und vom "Greben" abgelöst .
Eindeutig als Dorfvorsteher tritt der Grebe erst im 15. Jahrhundert in Erscheinung. Fast immer ist es ein Angehöriger der jeweiligen Dorfgemeinschaft, der das Amt ausübt, denn erst damit war die Gewähr gegeben, daß er die örtlichen Verhältnisse genaustens aus eigener Anschauung kannte. Vorwiegend stammte er aus der bäuerlichen Oberschicht, d. h. er bewirtschaftete die größte Ackerfläche, dazu sollte er in der Lage sein, einen größeren Raum für Versammlungen zur Verfügung zu stellen, der seit dem 17. Jahrhundert benötigt wurde.
Außerdem mußte er sittlich-charakterliche Voraussetzungen erfüllen. Hierzu die Grebenordnung: "Alle unnütze in diesem Amt stehenden Personen/ als Säuffer/ Spieler/ Zänker/ oder welche die Unterthanen zum processen verleiten/ auch die Herrschafftliche- und Gemeinde-Gelder in ihren Händen behalten und vergreiffen/ weniger nicht diejenigen/ welche die Straffen unterschlagen/ denen boßhafften Freveleren bey denen Beamten durchzuhelfen suchen/ oder sonst auf andere Art der Dorffschafft zur Last gereichen/ anzeichnen ... und also/ soviel thunlich/ die Dörffer von dergleichen schädlichen Vorgesetzten entledigen" .
Der Aufgaben des Dorfvorstehers erstreckten sich über ein weites Feld. Reyer hat diesen Bereich ausführlich untersucht . Hier kann nur in Kürze darauf eingegangen werden. Trat der Grebe zuerst - im Namen des landesherrlichen oder adeligen Grundherren - vorwiegend als Erheber von Abgaben oder Leistungen in Erscheinung und als Repräsentant der Dorfgemeinde in Gerichtssachen, so nimmt er seit Beginn des 16. Jahrhunderts mehr und mehr Aufsichts- und Polizeifunktionen im dörflichen Bereich wahr. Daneben war es die Pflicht des Greben, bei den verschiedensten Gelegenheiten einzugreifen, wenn die öffentliche Ordnung im Dorfe gefährdet war oder er auf ein Treiben aufmerksam wurde, das den guten Sitten entgegenstand. Er oblag ihm also, darauf ein waches Auge zu haben, daß man die Bestimmungen hierüber auch einhielt, so etwa, wenn die Grebenordnung vorschreibt: "Darff kein Wirth mehr als 16. Alb. einem Bauern borgen/ oder er verliehret die Schuld und wird noch darzu gestrafft ... Wirthe und Brandweins-Schencken sollen keine Würffel- oder andere Hazard-Spiele dulten/ auch des Abends nach 10. Uhr keine Gäste mehr sitzen haben; Diesemnach ... Die bei ihnen sich äussernde Zänck- und Schlägereyen nach Müglichkeit zu verhindern suchen/ und dergleichen sofort dem Greben/ da es sich zutrüge/ melden lassen ... Die Söffer und andere sich liederlich aufführende Leute seynd denen Beamten zeitlich anzuzeigen" . Liest man die Grebenordnung genau und stellt einmal zusammen, was sich aus den einzelnen Artikeln an Erwartungen und Forderungen ergibt, so zeigt sich, daß der Mann, der dieses Amt ausfüllte, sicher nicht immer glücklich damit sein konnte. Auf nahezu alles, was im Dorf geschah, sollte er ein Auge haben. Dabei mußte er dem Willen des Landesherren, dessen grundherrschaftlichen Interessen sich in den einzelnen Verordnungen manifestierten, genüge tun und sich damit - selbst Mitglied der Dorfgemeinschaft - gegenüber den anderen Angehörigen der Dorfgemeinschaft durchsetzen. Daß hier Konflikte unvermeidlich waren, liegt auf der Hand.
Es ist eine Vielzahl von Umständen, die den Alltag in den Gemeinden bestimmte, auf welche die Grebenordnung eingeht. In nicht weniger als fünfzig Artikeln werden die Vorschriften formuliert, die das häusliche und wirtschaftliche Leben des einzelnen und der Familien sowie ihre Pflichten als Untertanen und überdies die Genossenschaftsrechte der Gemeinde regelten. Auf alles näher einzugehen, bleibt hier nicht der Raum.

Dieter Carl