Landaus Kurfürstenthum
Rezension von Werner Wiegand

Georg Landau: Beschreibung des Kurfürstenthums Hessen, Kassel 1842,
Faksimile-Nachdruck, hrsg. v. Dieter Carl, Vellmar 2000

In der Historischen Edition Dieter Carl GbR ist als erster Nachdruck der Ausgabe von 1842 Georg Landaus "Beschreibung des Kurfürstenthums Hessen" erschienen. Schon Einband und Aufmachung sind eine Aufforderung für Historiker und interessierte Laien, das Buch in die Hand zu nehmen. Aufgeschlagen, begegnet uns Georg Landau, der gewissenhafte Archivar im Hof- und Staatsarchiv zu Kassel, der Mitbegründer des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde und profunde Kenner Niederhessens und des übrigen Kurfürstentums.
Der Band bietet eine Fülle von auch heute noch hochinteressanten Fakten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, für Historiker von besonderem Wert, weil oftmals wichtige Unterlagen und Archivalien durch die Kriegsereignisse des vergangenen Jahrhunderts unwiederbringlich verloren gegangen sind. Landau selbst schildert sein Buch im Vorwort als "einen Versuch, als Grundlage [...], auf der sich Vollkommeneres erheben soll". Es war sein Anliegen, "zwei Werke zu schaffen, welche uns noch fehlen, eine populäre Landes- und Ortsbeschreibung und eine im gleichen Sinne bearbeitete allgemeine Geschichte unseres Landes und Volkes."
Gemäß dieses Ansatzes finden sich im "Ersten Buch", das er mit "Kurhessen im Allgemeinen" überschreibt, sechs Abschnitte. Nach dem "Überblick über die Entwicklungsgeschichte des kurhessischen Staates" folgt eine Beschreibung des "Landes mit Lage und Ausdehnung, Oberfläche, geognostischen Verhältnissen des Bodens, der Gewässer, des Klimas und der Fruchtbarkeit des Bodens." Der dritte Abschnitt befaßt sich mit dem Volk, wobei auf die "Bevölkerung, die Volksstämme, die Stände, den Volkscharakter, die Religionen" und den "Kulturstand des Volkes" eingegangen wird. Überaus interessant sind aber auch die Ausführungen über "Gesundheitsverhältnisse und Medizinal-Anstalten."
"Die Erzeugnisse der Natur" sind dann Gegenstand der Betrachtungen, Erz- und Kohlevorkommen, Fundstätten von Ton und Farberden werden ebenso genannt wie die unterschiedlichsten Gesteinsarten und Mineralwasser. Beim Feld- und Gartenbau zeigt Landau das "Dreifeldersystem" der Bauern auf, nennt Getreidearten, zum Teil mit Bezeichnungen, die uns heute nicht mehr geläufig sind, geht auf den Kartoffelanbau in Hessen ein und behandelt die "Handelspflanzen" Lein, Tabak und Wein. Auch die Forstwirtschaft findet Erwähnung. Bei den "Erzeugnissen des Thierreichs" unterscheidet er "Wilde Thiere und Hausthiere", auch hier bemerkenswert die vielen Details.
Äußerst aufschlußreich vermittelt uns der fünfte Abschnitt eine Detailfülle über die kurhessische Wirtschaft und wird damit zur Bestandsaufnahme Mitte des 19. Jahrhunderts. Wer weiß denn heute noch etwas über die Leineweberei in unseren Städten und Dörfern? Wer kann noch etwas mit den Bezeichnungen "Schockleinen, Stiegenleinwand, Packtuch, gemustertes Leinengewebe" anfangen? Landau gibt Auskunft und geht auf die Fabrikationsformen ein. Er ergänzt seine Ausführungen mit Hinweisen auf Wollverarbeitung, Baumwoll- und Seidenwaren, auf Leder- und Papierprodukte und die umfangreichen verschiedenartigsten Metallfabrikationen. Dieser Abschnitt liest sich wie ein Kaleidoskop einer vom Fortschritt überholten "Wirtschaftswelt, mit Fuder und Ohm als Flüssigkeitsmaßen, mit Wachslichter-Fabriken, der Kutschenproduktion" und der Erzeugung des "deutschen Kaffees aus Cichorien". Auch das, was man heute mit Infrastruktur bezeichnet, findet man in den Abhandlungen über die "Schiffahrt, die Straßen und die Transportmittel". Wir erwarten den EURO, damals prägte man in Hessen "einfache und doppelte Friedrich-Wilhelmsd'or" und rechnete mit dem "16-Thalerfuß" für die "harte Scheidemünze".
Dem sechsten Abschnitt "Staatskunde" muß man eine besondere Bedeutung zumessen. Das Kurfürstentum, erst 1803 entstanden, ging im Königreich Westfalen auf, um nach den Befreiungskriegen wieder einen Kurfürsten zu bekommen, der da anfangen wollte, wo er 1806 aufgehört hatte. Erst im Januar 1831 genehmigte Kurfürst Wilhelm II. unter dem Zwang der politischen Ereignisse eine Verfassung. Landau geht darauf ein, beschreibt aber auch das "kurfürstliche Haus, die Staatsverwaltung, die Rechtsverhältnisse, den Staatshaushalt sowie die Oeffentlichen Anstalten und Institute", darunter das Militär, aber auch so wichtige und beispielhafte Einrichtungen wie die "Landeskreditkasse" und die "General?Brand?Versicherungs-Kasse".
Das Zweite Buch bringt eine "Besondere Beschreibung von Kurhessen". Auffällig für den Leser wird sein, daß hier nicht mehr die Ämter, sondern die aufgrund des Organisationsediktes von 1821 gebildeten Kreise beschrieben werden. In den vier Provinzen Niederhessen, Oberhessen, Fulda und Hanau werden anhand des umfangreichen Erhebungsmaterials Orte mehr oder weniger ausführlich abgehandelt. Landau begründet sein Vorgehen damit, daß er "sich von den meisten Orten das historische Bild erst selbst zu schaffen hatte. Er habe deshalb nur diejenigen Orte aufgeführt, von denen [er] etwas Bemerkenswerthes zu erzählen vermochte."
Der Historischen Edition von Dieter Carl ist eine interessierte Leserschaft zu wünschen, die durch den Kauf des Buches den Herausgeber ermutigt, weitere vergriffene Schätze unserer Landesgeschichte herauszubringen.