Münschers Geschichte von Hessen
Rezension von Werner Wiegand

Friedrich Münscher: Geschichte von Hessen (Marburg 1894),
Faksimile-Nachdr., hrsg. v. Dieter Carl, Vellmar 2001


Nach der gelungenen Editierung der Landau-Bände hat Dieter Carl einen neuen Nachdruck vorgelegt. Es ist die GESCHICHTE VON HESSEN; FÜR JUNG UND ALT ERZÄHLT von Dr. Friedrich Münscher. Herausgegeben wurde dieses Werk posthum von Wilhelm Rauch, einem "dankbaren ehemaligen Schüler", und Dr. Albrecht Dietrich, einem Großneffen, "auf Wunsch der Witwe des Verstorbenen, der Frau Geheimrat Münscher". Den Druck besorgte 1894 die Elwert`sche Verlagsbuchhandlung in Marburg.

Auf dem Einband prangt über dem Titel des Buches in Golddruck das Wappen Landgraf Philipp des Großmütigen. Schlägt man den Band auf, blickt einem auf dem ersten Blatt das Bildnis des Verfassers entgegen. Korrekt gekleidet bis zum letzten Westenknopf, mit wachen Augen, hoher Stirn, Kinn- und Backenbart, das volle Haar gescheitelt, ist er das Abbild eines akademisch gebildeten Lehrers des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sein Beruf als Gymnasialdirektor hat ihn über viele Jahre geprägt und verleiht ihm die Würde eines angesehenen Bildungsbürgers der Universitätsstadt Marburg.

Münscher muß, wie wir dem Vorwort entnehmen, ein begeisterter Historiker gewesen sein. Ihm genügte es offensichtlich nicht, seinen Schüler gymnasialgeschichtliches Wissen in anschaulich, lebendigem Vortrag zu vermitteln; es war ihm vielmehr ein Herzensanliegen, ihnen, oft in "besonders eingelegten Stunden, die Kenntnis der Geschichte ihres eigenen Volksstammes" nahe zu bringen.

Als er in den Ruhestand ging, hatte er Muse, für "seine Landsleute" eine im höheren Sinne volkstümliche Geschichte ihrer Heimat "zu schreiben". Tag für Tag arbeitete er an der "Vollendung seines letzten Lebensplanes". Noch "am Morgen seines Todestages" hat er an seiner Hessischen Geschichte geschrieben, "bis ihm der Tod die Feder aus der zitternden Hand" nahm. Einer noch von Münscher verfaßten Vorrede entnehmen wir seine didaktische Intention. Ausgehend vom damaligen "wissenschaftlichen Forschungsstand hessischer Geschichte", wie er sich in den Arbeiten von "Wenck, Rommel und Rehm" dokumentierte, strebte er eine "strenge Scheidung des Wichtigen vom Unwichtigen an", also eine Beschränkung auf historische Ereignisse, die "für die Entwicklung des hessischen Volksstamms von Bedeutung gewesen sind". Diese wollte er nicht zu weitschweifig und für jung und alt verständlich darstellen.

Von besonderer Bedeutung war es für Münscher, die Geschichte beider Hessen, nämlich Hessen-Darmstadts und Hessen-Kassels bis 1866 darzulegen, "um den Bewohnern beider Hälften des hessischen Landes" die Gelegenheit zu geben, die Historie des jeweilig anderen Gebietes kennen zu lernen. Dies zu leisten war ihm nicht mehr vollständig vergönnt, doch haben die Herausgeber nach seiner schriftlichen Hinterlassenschaft eine abschließende Ergänzung vorgenommen.

Das Werk ist in acht "Hauptstücke" mit jeweils einer Anzahl von " Abschnitten" gegliedert, die abgehandelt werden und eine Fülle von Material bieten. Interessant für heutige Leser ist Münschers Darstellungsweise. Er bedient sich dabei durchgängig des methodischen Prinzips der Lokalisierung, der Detaillierung und der Personifizierung. Schon im ersten Hauptstück "Hessen und seine Bewohner in ältester Zeit" nimmt er zwar die Beschreibung "der Chatten durch Tacitus" als Grundlage, schmückt dann aber die Berichterstattung in vielfältiger Weise aus.

Münschers Darstellungskraft zeigt sich besonders an den für das Hessenland schicksalhaften historischen Ereignissen. Beispielhaft seien die Christianisierung durch Bonifatius, der Einfluß der Klöster Fulda und Hersfeld und Leben und Wirken der Hlg. Elisabeth angeführt. Aber auch die schwierigen politischen Verhältnisse nach dem Tode des Landgrafen Heinrich Raspe bis hin "zur Erhebung Hessens zur Landgrafschaft" und Heinrich I. 1292 zum Reichsfürsten, werden anschaulich geschildert. Welche Widerstände es unter den nachfolgenden hessischen Landgrafen bis hin zu Hermann dem Gelehrten zu überwinden galt, um die territoriale Existenz zu sichern, legt Münscher verschiedentlich in detaillierten Episoden (Otto der Schütz u.a.) dar.

Nach einer Übersicht über "die Geschichte der Grafschaften Ober- und Niederkatzenelnbogen" würdigt er die Zeiten Philipps des Großmütigen und dessen Bedeutung für die Reformation. Aber auch die verhängnisvolle Nebenehe mit "der 17jährigen Margarethe von der Saal" wird in Einzelheiten und Auswirkungen dargelegt. Viel Raum gibt Münscher den letzten "zwanzig Jahren" im Leben des Landgrafen. Der Schmalkaldische Krieg, die Niederlage der Evangelischen und die Gefangenschaft Philipps, die Bemühungen um seine Freilassung, die Rückkehr und die Jahre bis zu seinem Tode werden mit oftmals dem Leser nicht mehr gegenwärtigen Einzelheiten ausgebreitet und mit inniger Anteilnahme des Verfassers erzählt.

Erwähnt werden muß, da es eine Zielsetzung des Autors in seinem Buche ist, der 1604 beginnende Rechtsstreit zwischen Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel sowie die wachsende Entfremdung der Landgrafen-Familien. Er zeigt auf, wie im 30jährigen Kriege Hessen sich in gegnerischen Lagern gegenüberstehen, der Marburger Erbschaftsstreit wieder auflebt, und es schließlich zu einer "Abtrennung der beiden hessischen Lande" kommt.

Greifen wir abschließend noch die kurfürstliche Zeit Hessen-Kassels heraus. Auch hier gelingt es Münscher, die politischen Entwicklungen seit der Erlangung der Kurfürstenwürde 1803 durch Landgraf Wilhelm IX., das napoleonische Zwischenspiel eines König Jérôme, die Rückkehr Kurfürst Wilhelm I. und das Ringen um eine Verfassung detalliert und plastisch zu schildern. Die Reichenbach-Affäre des Kurfürsten Wilhelm II. mit ihren innenpolitischen Auswirkungen wird ebenso kenntnisreich vermittelt, wie das Wirken des Ministers Hassenpflug und das Ende des Kurfürstentums Hessen "durch die Einverleibung in die preußische Monarchie 1866".

Der interessierte Leser erfährt dann in einem letzten Kapitel die anders verlaufende Entwicklung von Hessen-Darmstadt. Landgraf Ludwig, durch Napoleons Gnaden, "Großherzog von Hessen mit königlichen Rechten", gab seinen Hessen 1820 eine Verfassung und "war das Muster eines Regenten". Seine Nachfolger, schwankend in ihrer Politik zwischen Preußen und Österreich, überstanden die revolutionären Anzeichen von 1849, behielten durch Fürsprache von Frankreich und Rußland 1866 ihre Souveränität bei hohen Auflagen und blieben durch die Teilnahme am deutsch-französischen Kriege 1871 "ein selbständiges Glied des neuen [..] wieder aufgerichteten deutschen Reiches".

Die Historische Edition Dieter Carl GbR bringt mit Friedrich Münschers GESCHICHTE VON HESSEN ein Werk heraus, das es noch heute wert ist, beachtet und gelesen zu werden.