Rittergesellschaften
Rezension von Werner Wiegand

Georg Landau: Die Ritter-Gesellschaften in Hessen, Faksimile-Nachdruck, hrsg. v. Dieter Carl, Vellmar 2001

Georg Landaus Ritter-Gesellschaften in Hessen, in Kassel 1840 als erster Sonderdruck der Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde publiziert, sind auch heute noch für jeden Historiker und interessierten Leser, der sich mit den Machtstrukturen und Verbindungen sowie Abhängigkeiten im ritterlichen Mittelalter befaßt, eine Fundgrube. Schon in der Einleitung geht Landau auf den Macht- und Rechtsverfall nach dem Tode Rudolph von Habsburgs ein. Wenn auch die nachfolgenden Herrscher den Landfrieden erneuerten, so fehlte ihnen doch die Macht, ihn durchzusetzen oder zu erhalten. Je spürbarer die verhängnisvollen Folgen wurden, um so mehr wuchs das "Verlangen nach einem gesicherten und festeren Rechtszustand". Fürsten und Städte schlossen deshalb seit dem 13. Jahrhundert zahlreiche Verträge, die jedoch nicht auf gegenseitigen Schutz oder Hilfe abzielten, sondern lediglich auf die Aufrechterhaltung des Landfriedens für eine begrenzte Zeit. Die Vertragserfüllung hing dabei allein "von den Verhältnissen der Theilhaber zueinander und deren gutem Willen" ab. Dieser Unsicherheitsfaktor führte schließlich zu Interessenverbünden, die " eine dauerhafte Erhaltung des Friedens" unter den Beteiligten, daneben aber "die gemeinsame Abwehr" äußerer "Gewalt zum Schutze ihrer Freiheiten [...] und ihres aufblühenden Handels" zum Ziele hatten; so entstanden "im Norden die Hanse, im Süden die schweizerische Eidgenossenschaft und am Rheine der große Städtebund". Diesem Vorbilde folgten ähnliche Bündnisse beim Adel.
Landau gibt einen Überblick über die Entwicklung der zahlreichen ritterschaftlichen "Einigungen und Gesellschaften, die sich aller Orten in Deutschland bildeten". Er zeigt die Hauptzüge der "Verfassung der Rittergesellschaften" auf und bezeichnet die Zweckverbindungen als "Erzeugnisse des anarchischen Zustandes jener Zeiten" und "als Notwendigkeit der Selbsthilfe", wobei er die unterschiedliche Entwicklung in "Nieder- und Oberdeutschland" herausstellt.
Charakteristisch für Norddeutschland sind größere, bereits ausgebildete Territorien mit Fürsten, "die schon zu einer umfassenderen Herrschaft gelangt waren". Diese Herrscher gründeten selbst "Gesellschaften und setzten sich als Hauptleute an deren Spitze". Damit aber wurde der Grundsatz "der Sicherung des Schwächeren gegen den Mächtigeren " unterlaufen. Nach den Bundesbriefen galt zwar "die Rechtsgleichheit unter den Genossen", doch verlor diese mehr und mehr an Bedeutung, je größer der Machtzuwachs des Fürsten wurde. In der Folge büßte der größte Teil der Städte und des Adels seine Selbständigkeit ein und geriet als "Landstädte und Landadel" in die Abhängigkeit der Territorialherren. Rittergesellschaften im ursprünglichen Sinne hatten in Niederdeutschland schon Ende des vierzehnten Jahrhunderts ihre Bedeutung und Existenz verloren.
Anders verlief die Entwicklung in Oberdeutschland. Zwar wurden auch hier "Gesellschaften durch Fürsten gegründet und geleitet, doch stand denselben [...] nicht nur eine weit größere Zahl reichsunmittelbarer Städte, sondern auch ein mächtiger unabhängiger Adel gegenüber". Seit Anfang des 15. Jahrhunderts zeigten sich allerdings auch in Oberdeutschland Wandlungen und Veränderungen. Die "alten Einigungen" verloren den "Geist ihrer Stiftungen und ihren politischen Charakter" und stellten sich schließlich als "bloße Turniergesellschaften" dar. Mit dem Aufhören der Turniere im 16. Jahrhundert erloschen auch die letzten Gesellschaften.
Landau zählt die urkundlich nachweisbaren Adelsgesellschaften in ihren Bezügen und Gründungszwecken auf, um sich dann der "Geschichte der einzelnen Rittergesellschaften in Hessen" anzunehmen. Als erste behandelt er die "wetterauische Gesellschaft vom Jahre 1362", um dann die "Gesellschaft vom Sterne" zu dokumentieren. Ausschlaggebend für die "Stiftung der Gesellschaft" waren die Erbansprüche, die Herzog Otto von Braunschweig nach dem Tode Landgraf Heinrichs II., der seinen Sohn Otto (den Schütz) überlebte und seinen Neffen Hermann zur Nachfolge bestimmte, im Namen seiner Mutter erhob. Er erhielt Unterstützung durch seinen Schwager Graf Gottfried von Ziegenhain, den Stifter des Bundes, und eine Vielzahl dem hessischen Landgrafen Hermann wegen dessen "harter Hand" nicht wohlgesonnene Adelige. Es sollen schließlich mehr als 2000 Ritter und Knappen, unter ihnen 350 Burgbesitzer, aus Hessen, der Wetterau, den Rheinlanden, aus Fulda, Thüringen, Sachsen und Westfalen gewesen sein, die sich in der "Gesellschaft vom Sterne" vereinigten.
Landau geht dann auf den Anlaß zum Beginn der Feindseligkeiten ein, gibt interessante Detailberichte über Verhaltensweisen und Zustände in den gegnerischen Lagern, um schließlich die Geschichte der Fehde darzulegen. Mit dem Jahre 1374 begann der "allmähliche Verfall des Bundes". Friedrich von Lisberg verglich sich als erster mit dem hessischen Landgrafen, ihm folgten die von Eisenbach, die von Hatzfeld und andere. Letztmalig traten die Sterner im Kriege der Erzbischöfe Adolph von Mainz und Ludwig von Magdeburg in Erscheinung.
Die "Gesellschaft von der alten Minne" ist eigentlich eine Fortsetzung der Sterner. Graf Johann von Nassau-Dillenburg hatte weiterhin Streit wegen Driedorf und Itter mit dem hessischen Landgrafen. Er sammelte neue Kräfte, stiftete die neue Rittergesellschaft und setzte sich als deren Hauptmann an ihre Spitze. In Einzelheiten schildert Landau die Intrigen und Gewalttätigkeiten dieses neuen Krieges, in dem die Stadt Wetzlar eine zentrale Rolle spielte.
Eine einmal nicht gegen den Landgrafen Hermann von Hessen gerichtete Vereinigung war die urkundlich schon 1379 genannte "Gesellschaft vom Horne". Das Bündnis wurde für 3 Jahre zwischen den "Hörnergesellen" und dem Landgrafen geschlossen. Man gelobte sich "gegenseitig Freundschaft, Schirm und Schutz", doch ist nicht überliefert, ob es so lange angehalten hat.
Bei der "Geschichte der Gesellschaft vom Falken", einem Ritterverein, der sich im Norden von Hessen und den nahen kölnischen, paderbornischen und waldeckischen Gebieten bildete, beruft sich Landau auf die alten Chronisten Kuchenbecker und Gerstenberger.
1385 vereinigten sich 28 Edle aus Hessen und Westfalen in der "Zweiten westfälischen Rittergesellschaft". Die Dauer des Bündnisses wurde auf fünf Jahre begrenzt. Man bekriegte offensichtlich1389 unter Herbold von Brobeck den Bischof Simon II. von Paderborn, der vor Brilon den Tod fand. Unter dem Anführer Friedrich von Padberg wurden die Truppen des Domkapitels vernichtend geschlagen. Bedrohlich wurde die Lage für Paderborn, als Widukind von Falkenberg den Warburgern eine große Niederlage beibrachte. Das Kapitel bot, um weitere Verwüstungen zu verhindern, Friedrich von Padberg das Amt eines "Oberhauptmanns und Schirmer des Hochstifts" bei gleichzeitiger Verpfändung der Stadt Drengenberg an. Padberg nahm an, mußte aber akzeptieren, daß es dem neuen Bischof von Paderborn, Rupert Herzog vom Berg, gelang, kurzfristig Drengenberg und die noch immer festgehaltenen Gefangenen auszulösen. Dies war das Ende der Gesellschaft.
Friedrich von Padberg, offensichtlich verärgert über die "Kündigung der Hauptmannschaft und die Ablösung Dringenbergs", rief seine früheren Gesellen zusammen und gründete die " Bengeler- oder Klüppel-Gesellschaft", benannt nach ihrem Zeichen, "einem auf der Brust befestigten silbernen Stäbchen". Auftakt zu neuen Feindseligkeiten war die Eroberung Fürstenbergs durch die "Bündner". Bischof Rupert von Paderborn belagerte zwar die Feste, konnte aber Raubzüge der Bengeler nicht verhindern. Als sie von der Plünderung der Kirche zu Verne in Richtung Padberg zogen, trafen sie bei Büren auf die Bischöflichen und erlitten auf dem Rauschenfelde eine vernichtende Niederlage. Ein Raubüberfall der Padberger auf einen Wagenzug mit für Hessen bestimmte Waren ließ Landgraf Hermann zu Felde ziehen. Er fand die Unterstützung Herzog Otto des Quaden von Braunschweig und des Bischofs von Paderborn. Das Heer belagerte Padberg, verbrannte padbergische Meierhöfe und fing schließlich "an die Hundert" Bengeler. Unter den Gefangenen erscheinen die Namen bekannter Adelsgeschlechter unseres Raumes. Diese Niederlage "scheint das Ende des Bengeler-Bundes gewesen zu sein".
Herzog Otto der Quade von Braunschweig, über Jahrzehnte erbitterter Gegner des hessischen Landgrafen Hermann, verlobte 1390 seinen Sohn Otto ( den Einäugigen) mit Hermanns ältester Tochter Elisabeth von Hessen, mit der Bestimmung, daß das Beilager " innerhalb der nächsten 6 Jahre vollzogen" werden sollte. Diese familiäre Verbindung ermöglichte sogar die "Errichtung einer Gesellschaft, deren Stiftungsbrief am 27. September 1391 untersiegelt wurde". Als Zeichen gab man sich eine Sichel und nannte danach die "Sichelgesellschaft". Landau benennt wichtige Mitglieder und geht auf die "Verfassung der Gesellschaft" ein. Wir erfahren auch, daß die braunschweigische Stadt Münden zur "Kapitelstadt bestimmt wurde". Nach dem Tode Bischof Ruprechts von Paderborn und Herzog Otto des Quaden erneuerten die "Gesellen von der Sichel" den Einigungsbrief. 1396 wurden neun namentlich bezeichnete Mitglieder neu aufgenommen, 1397 folgten weitere, doch gibt es seit dieser Zeit keine weitere Nachrichten, auch nicht einen Hinweis, wie lange die Gesellschaft bestanden hat.
Als letzte Vereinigung findet die "Gesellschaft vom Luchse" Erwähnung. Allerdings beschränken sich die Angaben lediglich auf "eine einzige Urkunde", aus der jedoch interessante Macht- und Interessenstrukturen ablesbar sind.
In einem umfangreichen "Urkundenbuche" ergänzt und untermauert Landau seine Ausführungen, wobei für Genealogen manch wissenswerte Information über den Adel abrufbar ist.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß auch diese Arbeit Georg Landaus ein wichtiger Beitrag zur Macht- und Territorialgeschichte unserer Heimat ist und eine bedeutende Ergänzung der in der HISTORISCHEN EDITION DIETER CARL erschienenen "Landau-Reihe" darstellt.







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