Rommels Landgraf Carl
Christoph v. Rommel: Landgraf Carl von Hessen, Eine Deutsche Regentengeschichte
sowie Rommels Aufsatz: Ueber Quellen und Hülfsmittel der hessischen Geschichte,
Erster Faksimile-Nachdruck der Ausgabe von 1858, hrsg. von Dieter Carl, Vellmar 2002

Christoph v. Rommel und Georg Landau, das sind wahrscheinlich die bekanntesten Namen unter den Historiographen, die sich um die Hessische Geschichte verdient gemacht haben. Nachdem die Historische Edition die wichtigsten Werke Landaus allen Interessierten durch Neuauflagen im Faksimile-Nachdruck zugänglich gemacht hat, ist nun der gesuchte, seltene 10. Band von Christoph Rommels Hessischer Geschichte neu erschienen.
Dieser 10. Band, der 1858 nachträglich herauskam, fehlt meistens bei den Gesamtausgaben derjenigen Sammler, die überhaupt das Glück hatten, Rommels Werk erwerben zu können. Für sie sei es gleich vorweggenommen: Der Faksimile-Nachdruck passt nach Buchformat und Einband in die Reihe des 10-bändigen Gesamtwerkes. Nur der Rückentitel, auch dieser natürlich faksimiliert, lautet, mit Rücksicht auf alle, die das Buch als Einzelband erwerben wollen: "Rommel" und darunter: "Landgraf Carl".
Ganz sicher begrüßen Historiker, Heimatforscher und Sammler von Hassiaca das Erscheinen dieses Nachdruckes. Aber auch die Genealogen werden gern darauf zurückgreifen, schon ganz einfach deshalb, weil Rommel Informationen gibt zu einer Vielzahl von Personen. Nicht umsonst heißt es im Untertitel des Werkes: "Nebst Lebensnachrichten der vornehmsten Hof-, Staats- und Kriegsbeamten, Gelehrten und Künstler unter L. Carl."
Die "Hessische Geschichte", das ist Christoph Rommels Lebenswerk. Sie ist bis heute unübertroffen, was die Fülle von Nachrichten und Details angeht, die in ihr enthalten sind. Diese Einzelinformationen sind stets eingebunden in den chronologischen und dynastischen Kontext. Dabei bekennt der Verfasser: "Die Geschichte der Menschheit, nicht selten entstellt durch allgemeine, kühne, aber gehaltlose Schilderungen, erhält ihre treffendsten Züge aus der Stammesgeschichte einzelner Länder". Allerdings entspricht es dem Geist der Epoche des ausgehenden Absolutismus und charakterisiert den Historiographen des Hauses Hessen, wenn Rommel hervorhebt: "Die Geschichte ist die Wissenschaft der Fürsten. Sie ist auch der Spiegel ihrer Thaten." Dementsprechend steht der Monarch im Mittelpunkt, und alle, die ihn umgeben, werden zuerst in ihrem Bezug und ihrer Bedeutung auf den Fürsten hin betrachtet. Dennoch wirkt diese Darstellung nie trocken, sondern eben und gerade, weil sie stark auf Personen bezogen ist, höchst lebendig, wenn diese durch ihre geschichtlichen Leistungen ebenso wie durch ihren Charakter hervortreten. Das gilt in besonderem Maße für den Band über Landgraf Karl von Hessen.
1858 klagte Christoph Rommel: "Wir besitzen bis jetzt weder eine in den Tatsachen vollständige, noch eine in dem inneren Zusammenhang pragmatische Lebens- und Regierungsgeschichte des L. Carl. Beides überstieg die Kräfte aller bisherigen ... durch die archivalische Verborgenheit oder die Masse des schwer zu überwältigenden ... Stoffes abgeschreckten Gelehrten". Nach seinen eigenen Angaben schrieb er das Werk auf der Grundlage "eines reichen archivalischen Stoffes, zahlreicher Familien-Nachrichten und Correspondenzen des Landgrafen, seiner Söhne, Feldherren, Staatsmänner und Gelehrten und unterstützt durch eine wohlgeordnete Sammlung der auf der hiesigen Landesbibliothek aufbewahrten Gelegenheitsschriften."
Rommel gibt Detailbeschreibungen zu Personen, Vorgängen und dem Leben am Kasseler Hofe, wie sie wohl sonst nirgends zu finden sind. Der Inhalt:
"Erstes Hauptstück:
Landgraf Carl, die fürstliche Familie und die nächsten Anverwandten, Hessen-Philippsthal
und Hessen-Rotenburg.
Zweites Hauptstück:
Hofstaat und Adel. Sitten, Gebräuche und Festlichkeiten des Hofes. Die Hofkapelle und
das Hoftheater. Die Kunstsammlungen, Hofgärten und Lusthäuser, die Carlsau, der Carls-
berg u.s.w."
Dem Faksimile-Nachdruck hat der Herausgeber eine Biographie Rommels und einen Bildteil hinzugefügt, der vielfältige zeitgenössische Darstellungen des Landgrafen Karl enthält. Beigelegt sind außerdem 3 ausfaltbare Stammtafeln zum Hause Hessen.
Aufschlussreich ist der angehängte Aufsatz Rommels "Ueber Quellen und Hülfsmittel der hessischen Geschichte" aus dem Jahre 1837. Er gibt einen Einblick über die Wege der landesgeschichtlichen Forschung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist auch heute noch aktuell.
Dietrich Christoph von Rommel (1781-1859) stammte aus einer einflussreichen alten hessischen Familie. Der Vater bekleidete das Amt des Oberhofpredigers und Superintendenten in der Haupt- und Residenzstadt Kassel, wo er seinem Fürsten und dem Staat stets mit Ergebenheit diente. Die Atmosphäre von Heimatverbundenheit und Tradition, in welcher der junge Rommel aufwuchs, ist zeitlebens von prägendem Einfluss auf ihn geblieben.
Seit 1799 studierte er Theologie und Philologie in Göttingen und Marburg, wo er 1805 zum ordentlichen Professor ernannt wurde. 1811 folgte er einem Ruf Zar Alexanders I. an die Universität von Charkow, hielt dort die Vorlesungen in lateinischer Sprache und gründete zudem ein philologisches Seminar. 1815 kehrte er in die Heimat zurück und erhielt erneut eine Professur, nun für Geschichte, an der Universität Marburg. Damit begann sein ehrenhafter Aufstieg im hessischen Staatsdienst, in dem er 1819 zum Direktor des Hofarchivs, des späteren Haus- und Staatsarchivs, in Kassel ernannt wurde. 1828 erhielt er den Titel eines kurfürstlichen Hofrats verliehen und im gleichen Jahr den erblichen Adel. Er genoss die Gunst des Kurfürsten, der ihn mit hohen Orden belohnte. Dass ihm 1829 die Stelle des Direktors der Bibliothek in Konkurrenz zu Jacob Grimm zufiel, hat jedoch Kassel sicher nicht zum Vorteil gereicht.
Was Christoph Rommel auszeichnete, waren profunde Fachkenntnisse und Fleiß. Zuerst gründet sich sein großer Ruf als Historiker auf die in fast vierzigjähriger Arbeit verfasste Geschichte von Hessen. Sein Biograf, Wolfgang Lautemann: "Das Wort, mit dem Rommel sein Werk eröffnet, daß die Geschichte der Völker die Geschichte ihrer Fürsten sei, bleibt maßgebend für den Historiographen des Hauses Hessen. Dennoch ist das zehnbändige Werk die erste wissenschaftliche Geschichte Hessens nach Wencks Darstellung, und sie ist die umfangreichste gebleiben. Vor allem breitet sie das Material aus, dessen der Forscher bedarf".
Christoph Rommels Untersuchung über die Zeit des Landgrafen Karl von Hessen ist jetzt für alle unmittelbar verfügbar. Der Herausgeber legt daher mit diesem Faksimile-Nachdruck erneut ein Buch vor, dessen größere Verbreitung einer regeren Beschäftigung mit der althessischen Vergangenheit zu dienen vermag.

Dieter Carl