Georg Landau
BEGRIFF UND PROGRAMM HESSISCHER GESCHICHTSSCHREIBUNG

Dieter Carl

Wer sich mit der Geschichte von Hessen-Kassel beschäftigt, dem begegnet Georg Landau auf Schritt und Tritt. Wohin der Weg durch die Historie ihn auch führt, immer wird er auf Zeugnisse der großartigen Arbeitsleistung dieses Mannes stoßen, dessen Name zum Begriff geworden ist und für ein Programm steht, das vom Hessengau über die Ritterburgen und wüsten Ortschaften bis zum Kurfürstentum reicht. Neben zahlreichen Monographien erschienen von ihm allein in der Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 120 Aufsätze, kleinere Beiträge und Miszellen.
Es ist ein erstaunlicher Aufstieg, der Georg Landau, 1807 als Sohn eines Schuhmachers in Kassel geboren, aus bescheidenen Lebensverhältnissen zu einem in ganz Deutschland anerkannten Gelehrten von Rang führte. Von seiner Herkunft aus war an nichts anderes zu denken gewesen als an den Besuch der Bürgerschule. Nach dem frühen Tod des Vaters arbeitete er sechs Jahre als Schreiber bei einem Anwalt. In der Folgezeit begann jedoch seine eigentliche Tätigkeit, die ihn in die Welt der Bücher berief, umgeben von Archivalien und alten Sammlungen. In der Kasseler Bibliothek lernte er die Bibliothekare Jacob und Wilhelm Grimm kennen, mit denen ihn eine langjährige Freundschaft verband. Zeitlebens hat der Einfluß der großen Germanisten auf ihn gewirkt. Bald fand er auch die Anerkennung des Direktors Christoph von Rommel, aber spät erst, ein Jahr vor seinem Tode, erfolgte die Ernennung zum Archivrat und Mitglied der Direktion. Es sind aber nicht die Stationen einer Beamtenlaufbahn, welche die Bedeutung Georg Landaus ausmachen. Was ihn zuerst auszeichnet, ist die große wissenschaftliche Begabung und der unermüdliche Fleiß, mit denen er die Gegenstände seiner Forschungen durchdrang. Die Wahl der Stoffe aber ergab sich für ihn immer zuerst aus seiner Verbundenheit mit der Vergangenheit des alten Hessenlandes.
Ein hoch einzuschätzendes Verdienst Georg Landaus bleibt es, daß er zusammen mit den beiden Bibliothekaren Karl Bernhardi und Heinrich Schubart 1834 den Verein für hessische Geschichte und Landeskunde ins Leben rief, dem er dreißig Jahre als Schriftführer und Schriftleiter seiner Zeitschrift diente. Daneben wirkte er unermüdlich darauf hin, daß alle deutschen Geschichts- und Altertumsvereine sich zu einem Gesamtverein zusammenschlossen. Und so überrascht es kaum, daß elf Geschichtsvereine ihm die Ehrenmitgliedschaft übertrugen. Als der verdiente Gelehrte 1865 im Alter von nur 57 Jahren starb, war sein Name in ganz Deutschland bekannt. Er galt und gilt als einer der einflußreichsten Historiker Hessens, und zahlreich sind die Würdigungen seines Werkes.
1846 verlieh die Universität Marburg ihm, dem Autodidakten, dem ein Universitätsstudium versagt blieb, in Anerkennung seines wissenschaftlichen Strebens die Ehrendoktorwürde. 1854 erfolgte die Wahl in den Gelehrtenausschuß des Nürnberger Nationalmuseums, und 1862 erhielt er die große goldene Medaille durch den König von Sachsen. In Kassel trägt noch heute eine Straße seinen Namen.
Georg Landau war trotz seiner unübertroffenen Quellenkenntnis nicht der trockene Stubengelehrte. "Denn so reichhaltig ... unsere historische Literatur ist", heißt es 1841, "so war ich doch genötigt, von den meisten Orten mir das historische Bild erst selbst zu schaffen", und nach eigener Angabe schrieb er "weniger für den Gelehrten, als für den Gebildeten im Allgemeinen". Es ist davon auszugehen, daß er die Lage seiner "Wüsten Ortschaften" wohl vielfach selbst erkundete, um sich ein genaueres Bild zu verschaffen. Der Forschungsgegenstand war ihm seit langem vertraut, hatte er doch bereits Anfang der 1830er Jahre mit den Arbeiten zur archivalischen Topographie und Ortsgeschichte begonnen. Ganz zweifellos ist es seiner Leistung mitzuverdanken, daß heutige moderne Meßtischblätter die Wüstungen verzeichnen. Wenn viele seiner Werke als grundlegend gelten, so werden die "Wüsten Ortschaften" von Historikern, Heimatforschern, Archäologen und Geographen noch immer als ein unverzichtbares Nachschlagewerk herangezogen. Das gleiche gilt grundsätzlich ebenso für die Ritterburgen, das Kurfürstenthum und den Hessengau. Denn es gibt bis zum heutigen Tage nichts Vergleichbares, was an die geschlossene Vollständigkeit und Ausführlichkeit dieser Untersuchung heranreicht. Obwohl Landau in den meisten Fällen Fundstellen anmerkt, wird er oft selbst wie eine Quelle zitiert. Der Hinweis: "Das steht im Landau!" verbürgt dabei eine im allgemeinen zweifelsfreie historische Authentizität.
Nun schmücken jedoch nur in den wenigsten Fällen diese Werke einen privaten Bücherschrank. Sammler von Hassiaca schätzen sich glücklich, einen "Landau" zu besitzen. Was Wunder, dass diese notwendigen Hilfsmittel meist nicht zur Hand sind, wenn sie gebraucht werden. Denn die Einsicht in diese Bücher ist allein noch möglich in großen Bibliotheken, Archiven oder Museen, wo sie allerdings immer einem strengen Kopierverbot unterliegen. Wer die Raritäten antiquarisch erwerben will, muß sich meist jahrelang gedulden, um fündig zu werden.
Es war daher die Absicht des Herausgebers, mit diesen Veröffentlichungen jedem, der diese Standardwerke für seine Arbeit benötigt, den Gang in die Bibliothek zu ersparen. Er verbindet damit den Wunsch, daß die GROSSE-GEORG-LANDAU-REIHE für viele von reichlichem Nutzen sein werde und überdies einen Beitrag dazu leiste, die althessische Vergangenheit in größerem Maße wieder lebendig werden zu lassen.